Hochsensible Persönlichkeiten

 

 

tja - wie anfangen?

Erinnert mich etwas an die erste meiner 50 Therapie-Stunden, vor gefühlten hundert Jahren.

Damals zermarterte ich mir auch das Hirn mit der Frage: Was erzähle ich zuerst? Was ist wichtig?

Eigentlich war alles wichtig - oder auch nichts davon. Wer weiss das schon.

Aber ich wusste ganz genau, dass es mich mächtig störte, dass mir da jemand zuhörte, der dafür bezahlt bekam. Verständnis auf Honorar-Basis, sozusagen.

 

Da bin ich doch mit meinem Mann, Toni, besser dran. Er hört mir auch noch heute, nach 32 Jahren,

geduldig zu. Völlig kostenfrei. Kommt aber durch die Tatsache, dass er ein Mann ist, schnell an seine natürlichen Grenzen, wenn es um das gefühlsmässige Verstehen geht. Ich glaube, Du weisst, wovon

ich rede...

 

Vielleicht hat die Evolution bei Männern so eine Art Stop-Schild neben die Autobahn der emotionalen Intelligenz gestellt. "Halt! Bis hierhin und nicht weiter", sonst läufst du Gefahr, nicht mehr verstanden zu werden. Dann werden wir zweisprachig. Er chinesisch und ich hudhuveli.

 

Glück im Unglück - bei Toni taucht dieses Schild erst einige hundert Meter später auf, als bei den meisten anderen Menschen. Sonst würde das mit uns auch nicht funktionieren. Ganz sicherlich nicht. Und ich respektiere dieses Zeichen inzwischen. Er hat ein Recht auf seine Stop-Schilder.

 

Ganz anders bei Nadine. Nadine ist meine beste Freundin. Und von ihr erwarte ich blöderweise,

dass sie alles versteht. Diese Freude macht sie mir aber nicht. Kann sie auch nicht. Weil sie nicht ist wie ich. Oder - konkret ausgedrückt  -  i c h   b i n   a n d e r s.

Man sagt, ich höre "die Flöhe husten", höre "das Gras wachsen". Ich bin das, was man in der Psychologie

als "empathisch" bezeichnet. HSP. Ich bin eine hochsensible Persönlichkeit.

 

Damit wusste ich lange Zeit überhaupt nicht um zu gehen. Ich glaubte, mit mir stimmt etwas nicht.

Nicht ganz in Ordnung, im Kopf, oder so ähnlich. Und ob man es nun als Tickfehler bezeichnet - oder schlimmer - egal, es ist so. Ich bin so. Ich spüre, was andere Menschen  n i c h t  wahrnehmen.

Schlechte Laune des Partners, zum Beispiel, die aufzieht wie eine dunkle Wolke am Horizont...

 

Inzwischen interessiert es mich aber nicht mehr, welches Etikett da auf meiner Stirn klebt. 

Die meisten Menschen laufen mit einem Banner herum. Mal gut zu erkennen, mal weniger. Mal grösser und mal kleiner. Suspekt sind mir aber immer diejenigen, die von sich behaupten, völlig etikettfrei zu sein.

Die haben für mich den grössten Button auf der Stirn...

 

Ok, ich lebe inzwischen mit meinem "Schaden", meinen besonderen Fähigkeiten, sehr gut.

Ich frage Toni - wenn ich bei ihm schlechte Laune wahrnehme - nicht mehr beim Frühstück: "Schatzi, warum bist du so missgestimmt?" Auch nicht, wenn ich es ganz klar spüre. Das haben wir nun mehrfach hinter uns.

Ich gebe ihm keine Gelegenheit mehr, zu erwidern: "Schlechte Laune? Wieso? Mir ging es ganz hervorragend. Bis eben. Bis du mit diesem Blödsinn anfingst, mir etwas zu unterstellen, was nicht an dem ist. Und nun bin ich wirklich sauer."

 

Nö, in diese Falle tappe ich nicht mehr. 

Ich biss mir beim letzten mal echt auf die Zunge, sagte also nichts, sah stattdessen ganz ruhig zu,

wie Toni zwei Kirschen vom Marmeladenbrötchen rollten. Die erste blieb brav an der Tischkante liegen, die zweite - gut mit Butter überzogen - wollte weiter. Auf Toni's Hosenbein. Frisch gewaschener Schlafanzug.

Schöne Sauerei. Toni griff hastig nach der Serviette.  Z u  schnell, meinte der Kaffee-Becher und ergoss sich. Über das Hosenbein.

Wutausbruch bei Toni. Und der wollte einfach nicht versiegen.

Man konnte selbst als psychologischer Laie erkennen, dass hier jemand überreagiert hat. Und das, bei der

angeblich so unglaublich guten Laune...

Ich sag in derartigen Situationen nichts mehr. Ich gehöre zur Gruppe der Menschen, die als HSP-ler bezeichnet werden, ich fühle so tief ich kann  - aber ich übernehme keine "Gefühlsarbeit" mehr für Andere. Da müssen die sich schon selbst drum kümmern. 

Das gilt für Toni genauso wie für Andreas. Durch ihn habe ich diese Fähigkeiten überhaupt erst kennengelernt. Ich erkannte sie zuerst bei ihm. Und lernte. Und begriff, dass ich genau so bin. Wir ticken gleich, obwohl wir total gegensätzlich sind. Unsere Seelen schwingen im gleichen Takt.

Aber dazu später gern mehr.

Wenn Du mit meinen Gedanken etwas anfangen kannst, würde ich mich über eine Antwort riesig freuen!

Ich weiss das sehr zu schätzen. Es ist daher keine Unhöflichkeit von mir, wenn ich mich dafür dann hier nicht bedanke. Das System lässt aber leider keine Antworten auf Kommentare zu. Egal. Ich danke Dir.

                                                                              

 

                                                                                         Herzlichst

 

Deine Lilly

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Kommentare: 3
  • #1

    Corinna (Donnerstag, 26 Oktober 2017 14:21)

    Liebe Lilly, das Lesen deines Buches hat mich nun doch wieder beruhigt. Also bin ich mit meiner „Störung“ oder „Begabung“ doch nicht ganz allein. Es scheint auch andere Menschen mit außergewöhnlich emphatischen Fähigkeiten zu geben. Die auch wahrnehmen, was andere fühlen, denken, gleich sagen werden oder was passieren wird...
    Dieses Vohersehen macht mir selbst manchmal Angst, weshalb ich mit fast niemandem darüber spreche. Sonst hält man mich bestimmt für etwas „gestört“. Deine Erfahrungen erleichtern mich. Liebe Grüsse von der Empathin Corinna

  • #2

    Sina (Donnerstag, 02 November 2017 19:27)

    Hi Lilly, cool, find mich total wieder. Endlich!

  • #3

    Karen Weigant (Sonntag, 19 November 2017 08:33)

    Liebe Lilly, das ist ein spannendes Buch. Ich habe es mit Interesse gelesen und gelesen! Hier finde ich hin und wieder von meinem Leben Ähnlichkeiten! Gibt es nun noch eine Fortsetzung?