Leseprobe

Auszug Kapitel 1

 

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Es war der Tag, an dem ich ihm das erste Mal begegnet bin. Andreas. Er kam pünktlich um achtzehn Uhr, mein Physiotherapeut. Lymphdrainage, fünfzig Minuten, logischerweise an der heimischen Bettkante, denn, wie ich bereits erwähnte, an Laufen sowie Termine in der Stadt wahrnehmen durfte ich in meinem jetzigen Zustand ja noch nicht denken. "Hallo, ich bin Andreas." "Hi Andreas, Lilly." "Lilly, dann erzähl mir doch einmal ganz genau, was los ist.

 

Während ich ihm von den Operationen erzählte und von meinen Bemühungen, wieder zu einer normalen Beweglichkeit zurückzufinden, wunderte ich mich über das du. Wieso du? Ich war siebenundfünfzig Jahre alt und er - tja, ich schätzte ihn auf etwa dreißig. Aber, von mir aus. Dann duzten wir uns halt.

 


Auszug Kapitel 2

 

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Ich hatte oft den gleichen Traum in meiner Kindheit. Ein Albtraum der allerschlimmsten Sorte. Ich liege im Bett. Eine mir fremde Person liegt neben mir auf dem Rücken, kalt und unbeweglich. Trotz größter Anstrengungen kann ich nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelt. Ich liege auf der Seite, kuschel mich dort an. Die Person legt einen Arm um meine Schulter. Der ist hart und steif wie ein Brett, eiskalt. Die Kälte scheint sich auf mich zu übertragen. Ich friere. Ich will aus dieser eisigen Umklammerung raus, aber der starre Arm gibt nicht einen Millimeter nach. Keine Chance. Ich schreie und schreie und schreie. Niemand da.

 

Sie holten mich nach Hause als ich drei war. Aber nur, weil der städtische Kindergarten mich bereits mit dem Alter aufnahm. Die Regel stellte das nicht dar. In die Tageskrippe konnte man damals, ganz im Gegensatz zu heute, erst mit vier Jahren gehen. So blieb ich ihnen wenigstens den halben Tag aus dem Weg. Ich erinnere mich an Tante Hermine, eine freundliche, ältere Frau, die sicher noch nicht so alt war. Der Altersunterschied gibt, denke ich, die Sichtweise vor.

 

Tante Mine spielte wunderschön Gitarre und wir sangen alle im Kreis dazu. Gleich nebenan lag der Spielplatz. Die Wippe. Super. Ich war Lilly Fettklopps, so hänselten mich die anderen Kinder wegen des dicken Körpers, aber auf der Wippe, da konnte ich mich rächen. Herrlich! Ich ließ mein Gegenüber da oben so richtig lange sitzen. "Lilly, bitte lass mich jetzt wieder runter!" Aber ja! Ich sprang auf und mit einem heftigen Aufprall landete der Andere am Boden. Aua. Dafür gab es erwartungsgemäß jede Menge Ärger, der dann daheim in Schlägen endete. "Warte nur ab, bis Papa nach Hause kommt!" Der kam natürlich, früher oder später, und mit ihm auch der Kleiderbügel.

 

Aber ich biss mir auf die Zunge. Niemals, ums Verrecken nicht, wollte ich auch nur einen Schmerzenslaut ausstoßen. Nicht ein Ton sollte von mir zu hören sein und es floss in der Tat keine Träne. Ich fühlte mich wie von einem Kokon umgeben, durch den kaum etwas hindurch kam. Wie bei einer Betäubung. Und ich war auf irgendeine Art nicht anwesend, während ich merkte, wie der Kleiderbügel auf den Po klatschte. Diese Teilnahmslosigkeit machte Vater immer wütender. Er schlug und schlug. Keinerlei Schmerz. Ich spürte jedenfalls nichts davon. Bis meine Mutter dann eingriff: "Horst, lass, ist gut jetzt." Da gab er dann auf. Ich bin mir ganz, ganz, sicher, dass die nächste Tüte Kekse mir gehörte.

 

Ihre besten Wünsche in Bezug auf mein späteres Leben begleiteten mich ständig. "Lilly, du bist fett und hässlich, du kriegst niemals einen Mann ab." Vakuum. Ich fühlte nichts außer weißem Nebel und Leere. Ich weine. Jetzt, während ich schreibe, fließen die Tränen. Heute, fünfzig Jahre später, blicke ich voll durch und merke, dass das Schlimmste hinter mir liegt. Ich spüre den Trost in meiner Trauer und glaube, dass ich bald keine bunten Kekse mehr brauchen werde.

 

Mai 1963. Ich war fast sechs und sollte bald zur Schule kommen. Zuvor ging es aber nochmals ins Krankenhaus, es müsste sich doch eine Erklärung für das starke Übergewicht finden lassen. Sie nahmen meinen armen Körper richtig auseinander, gefunden haben sie natürlich nichts. Doch der wahre Grund, warum sie mich zu Hause für ein paar Wochen aus dem Verkehr ziehen wollten, war der, dass mein Bruder genau zu jener Zeit auf die Welt kommen sollte. Bestens geplant, leider machte der Junge ihnen da einen Strich durch die Rechnung. Der hatte es anscheinend überhaupt nicht eilig, seine geschützte Höhle zu verlassen.

 

Ich kam nach Hause. Meine Mutter wartete schon in der Tür, aber nicht, um mich freudig in die Arme zu nehmen, nein, das Köfferchen stand gepackt bereit, das Wunschkind kam, sie musste schnell los. Ich durfte wieder zu Tante Marie und Onkel Erwin. Schöne Welt. Leider aber niemals für mich. Das Baby sah so niedlich aus! Es roch so gut. Ich konnte nie genug davon bekommen und es fühlte sich so angenehm an, wenn ich meinen Kopf an seine Wange legte. Und die kleinen Fingerchen! Die griffen mir immer an die Nase, das war so schön. Ich liebte Brüderchen Tobias von Anfang an. Er lachte mir zu, schaute mir in die Augen, freute sich immer, wenn er mich sah. Danke, liebes Schicksal.

 

Ich begriff natürlich schnell, dass es sich bei ihm um den Prinzen handelte, den sie sich so sehnlichst herbeiwünschten. Er wurde geliebt. Aber, Affenliebe, also Gefühle, die zum größten Teil aus Abhängigkeiten bestehen, sind auch nicht unbedingt das, was aus einem Kind einen selbstbewussten, glücklichen Erwachsenen macht. Und auf diese Weise bekam auch Tobi schon früh sein Päckchen gepackt, das sich als schwer und unvorteilhaft für ihn erweisen sollte. Aber das ist seine Geschichte. Vielleicht schreibt er ja auch irgendwann einmal ein Buch.

 

Schule. Der erste Schultag. Oh Gott, war ich aufgeregt! Schade nur, dass meinen Eltern die Zeit fehlte, mich an dem Tag zu begleiten. Alle anderen Kinder wurden von ihren Müttern und Vätern begleitet, manche auch von Oma und Opa, nur ich leider nicht. Zum Glück nahmen mich die Eltern meiner Freundin Monika, sie wohnten im Haus nebenan, in ihre Obhut. Aber die rote Schutüte sah echt toll aus! Nur war sie nicht so gut gefüllt wie bei den anderen Kindern.

 

Bald darauf bekamen wir einen Fernseher. Du lieber Himmel - ein fürchterlich klobiger Kasten. An riesigen Drehknöpfen ließ sich der Ton laut oder leise stellen und noch diverse andere Einstellungen konnte man so verändern. Aber wehe! Darauf stand für Tobi und für mich die Todesstrafe, an dem Apparat durfte nicht gerührt werden. Wir testeten das eben aus, wenn sie zur Arbeit gingen.

 

Endlich konnten auch wir zu Hause so schöne Sendungen sehen wie Lassie, Fury und Ähnliches, nicht nur immer die Anderen. Es war in der ersten Zeit ganz sicherlich sehr schwierig, Tobi und mich von dem Gerät wegzubekommen, genau so, wie es heutzutage für Eltern wohl sein mag, ihre Zöglinge langfristig vom Computer fernzuhalten. Mit dem Ding begann für uns eine neue Ära, zwar in schwarzweiß, aber besser als nichts.

 

Nebenan wohnte eine alte Dame mit ihrer behinderten Tochter. Gretchen. Die beiden besuchten uns häufig, um ein wenig in den Fernseher zu schauen. Tobi und mich schauderte es vor Gretchen, die Ärmste war spastisch gelähmt, und wir gruselten uns vor ihren Bewegungen. Ihre Arme ruderten beim Sprechen wild hin und her, der Kopf schien ohne jede Kontrolle auf und ab zu wippen, und nur im Stechschritt wurde sie von ihren Beinen vorangetrieben. Aber die beiden brachten immer einen ganzen Teller voller Süßigkeiten für uns alle mit, das mochten wir natürlich.

 

Um Tobias kümmerte ich mich viel, immerhin war ich sechs Jahre älter als er, und unsere Eltern gingen meist zur Arbeit. Mutter als Hilfe im Haushalt und Papa bei der Bundeswehr. Logisch, dass bei uns zu Hause nicht diskutiert wurde. Da wurden Befehle erteilt und denen hatte man zu gehorchen. Das fiel mir schwer. Ich erkannte oft den Sinn einer Anordnung nicht, hinterfragte sie oft, wurde mundtot gemacht, und dann wunderte man sich noch über meine Auflehnung, meinen Trotz. Dem Himmel sei Dank für diesen Wesenszug. Ich ging nicht unter, ich wurde stärker.

 

Eine Tante von mir sagte immer, ich sei ein schlaues Kind. Und in der Schule bestätigte sich das dann auch. Meine Noten fielen allesamt Gut aus, Sehr gut gab es damals noch nicht in der Haptschule. Die Ausnahme bildete die Note im Sport. Die wäre glatt Ungenügend gewesen, wenn mich die Ballspiele nicht vor dieser Fünf gerettet hätten. Ich war nämlich auch noch groß, ein echter Vorteil also, was Volleyball und Handball anbelangt, es rannte mich so leicht keiner über den Haufen.

 

Mit neun Jahren hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis. Ich erzählte morgens meiner Mutter, ich habe in der Nacht die alte Nachbarin an unserem Fenster vorbeifliegen sehen. Sie schaute direkt zu mir rüber und verschwand dann. "Li-a-ne, was du dir da wieder zurechtspinnst !" Zu dem Zeitpunkt wusste nur noch keiner, dass die alte Dame des Nachts in ihrer Wohnung verstarb. Ohne vorher krank gewesen zu sein.

 

Kapitel 3

 

Wir konnten so herrlich über Urlaube reden! Andreas reiste auch oft in der Weltgeschichte herum. So wie wir. Aber er bevorzugte Südamerika, Karibik, Kuba und so weiter, da erfuhr ich dann jede Menge über Land und Leute. Wir haben uns richtig in die Begeisterung hineingesteigert.

 

Auf meinem Wunschzettel in Sachen Reisen steht Main/USA ganz weit oben. Da will ich unbedingt hin. Indiansummer. Wir malten uns aus, wie toll das wäre, dort in einem kleinen Hafen zu sitzen, ein urwüchsiges, winziges Lokal direkt an der Mole, an der gegen Abend die Hummerfischer anlandeten. Und um uns herum bunte Lichterketten, schließlich würde es bald dunkel werden, während man in der Küche den frischen Fang des Tages zubereitet. Und Wein. Ich trinke gerne guten Wein, am liebsten den Roten. Und schöne Musik.

 

Glasklar fiel mir auf: Manchmal, wenn ich Andreas etwas fragen wollte, überlegt ich kurz, wie ich diesen Punkt am besten formulieren sollte, und ich erhielt von ihm eine Antwort. Um Missverständnissen vorzugreifen - ich hatte meine Frage verbal noch nicht gestellt. Das passierte nicht nur einmal, es geschah häufig.

 

Was ging vor? Ich wusste es nicht einzuordnen. Ich weiss, dass es so etwas wie eine zweite Ebene gibt, auf der man Dinge wahrnimmt, die nicht gesagt werden. Also zum besseren Verständnis: Ich rede eine Stunde mit Frau Meyer über das Wetter, ihre Arbeit und den letzten Urlaub. Und danach weiß ich, ohne dass wir darüber auch nur ein einziges Wort gewechselt haben, dass sie in Scheidung lebt, ihr Sohn einen schweren Undfall hatte und dass ihre Tochter ihren Job verloren hat. Das ist jetzt etwas überspitzt ausgedrückt, aber genau so sieht es aus. Wie gesagt, ich ahnte, dass es so eine Ebene gibt, jedoch wusste ich nicht, was man hier alles mitteilen und erfahren kann. Und erleben. Aber das sollte sich bald ändern...