Psychopathen

 

...das Problem ist, dass wir sie meistens gar nicht erkennen. Zu gut getarnt.

Fünf von hundert Menschen sind so. Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre ich sicherlich an  d e r  Stelle aufmerksamer gewesen, kannst Du mir glauben.

Ich war geradezu blind.

Aber wage es mal, die Augen aufzumachen, wenn Deine eigenen Eltern zu dieser Gruppe gehören. Beide. Deine Erzeuger. Die Menschen, denen Du anfangs grenzenlos vertraust. Die Dir erklären, was gut oder schlecht ist, die Dich ermutigen, hinzufühlen, damit Du erkennen kannst, wer Freund oder Feind ist. Die dafür Sorge tragen, dass sich Dein Selbstbewusstsein entwickeln kann, damit Du lernst, Dir selbst zu vertrauen - und natürlich auch anderen.

Eltern, die alles dafür tun, damit aus ihren Schützlingen starke, lebenbejahende, glückliche Persönlichkeiten werden. So sollte es sein. Eigentlich.

Klingt, bezogen auf meine Erfahrungen in der Kindheit, wie ein Märchen aus 1001 Nacht...

 

Wundert es Dich, dass ich HSP habe, also, dass ich eine hochsensible Persönlichkeit geworden bin?

Mich nicht. In meinem letzten Brief erzählte ich Dir ja davon.

 

Man sagt, der Apfel falle bekanntlich nicht weit vom Stamm. Psychopathen. Was fällt mir zu dem Begriff so spontan ein?

Dunkelheit - Schritte hinter mir - ein Messer bohrt sich in meine Brust - jemand weidet sich an meinem Schmerz. 

Das dürfte wohl der Extremfall sein. Einige wenige, die so etwas machen. Und, ganz klar, sollte man vor solchen Leuten die Flucht ergreifen, wenn Du merkst, dass die Gesundheit oder das Leben in Gefahr ist. Nichts wie weg! Ohne einen Kommentar.

 

Es ist mir bekannt, dass es Menschen gibt, die mit einem Gehirn-Defekt geboren werden. Trauriges Schicksal. Leider kann man daran oft nichts mehr ändern. Und die Fach-Welt sagt, die restlichen Psychopathen werden zu solchen durch ein oder mehrere traumatische Erlebnisse, meist in der Kindheit.

 

Na - da standen die Chancen für mich doch wirklich gut!

Aber ich bin kein Psychopath geworden. Ich bin das genaue Gegenteil. Ich bin extrem empathisch, fühle, was andere Menschen nicht wahrnehmen. Und um an dieser Reizüberflutung nicht kaputtzugehen, habe ich frühzeitig gelernt, zuzumachen. Immer dann, wenn es mir zuviel wird - Gefühl AUS. Türen zuschlagen. Abschotten. Nichts mehr fühlen. Selbstschutz.

 

Das klingt in Deinen Ohren bestimmt merkwürdig...

Aber genau so ist es. Ich habe einen Wipp-Schalter, auf dem steht: Gefühl EIN / Gefühl AUS.

 

Ein grauenhafter Gedanke drängt sich mir auf:

Was, wenn ich den EIN/Schalter nicht mehr betätigen kann? Egal warum. Er klemmt, keine Kraft mehr im Arm, alles ist denkbar. Laufe ich dann als seelenlose Hülle herum, ohne Gefühle, ohne jegliche Empathie - das "Markenzeichen" eines jeden Psychopathen?  B i n  ich dann einer?

Was glaubst du?

 

Ich weiss ja, wie grässlich einsam ich mich fühlen kann, wenn ich abgeschaltet habe. Darum schalte ich auch zügig wieder ein. Um mir nicht mehr vorzukommen, wie ein isolierter Mensch auf diesem Planeten. Leer, sinnlos, ohne jeden Bezug zu Menschen oder Tieren. Ein Dasein als Zombie.

 

Ich male mir aus, diese qualvolle Situation nicht aus eigener Kraft wieder beenden zu können. Wie in einem Albtraum. Gefangener zu sein, hinter den von mir selbst zugeschlagenen Türen. Ich rüttele an Ihnen, nichts rührt sich. Ich schreie laut um Hilfe - aber keiner versteht mich, denn ich spreche dann eine andere Sprache. Die Sprache der Psychopathen. Und wer kann die schon übersetzen?

 

Vielleicht beleidige ich meine Mitmenschen - aber sie verstehen diesen Hilferuf nicht. Vielleicht belüge ich sie ständig - sie halten mich für notorisch, wissen nicht, dass ich zwischen wahr und unwahr überhaupt nicht unterscheiden  k a n n.  Vielleicht weigere ich mich, zur Arbeit zu gehen - sie ahnen nicht, dass ich Angst davor habe, ewig anzuecken, denn ich kann Menschen und Situationen nicht einschätzen. Weil ich so gut wie nichts fühle. Ich kann nur in schwarz oder weiss denken, kann nicht abwägen, nicht differenzieren. Wie soll ich unter den Bedingungen Freund und Feind auseinanderhalten? Wie kann ich wissen, was ich  m ö c h t e,  oder sagen, wie es mir g e h t, wenn ich es nicht empfinden kann?

Angst, Angst, Angst. Immer nur verunsichert, ständig überfordert und dadurch in die Enge getrieben.

Und je elendiger es mir geht, desto verzweifelter quäle ich meine Liebsten. Ich schiebe den Druck einfach weiter. M e i n en  Druck. Den ich nicht wahrnehmen kann. Das übernimmt der andere dann für mich. Der Gequälte. Der weint, zeigt Entsetzen, Unverständnis, Angst. Vielleicht schreit er oder er fängt Streit mit mir an. Alles gut. Ich fühle mich jetzt besser...

 

Du lieber Himmel!

Wenn ein gelähmter im Rollstuhl vor einem Hindernis steht, und er hat nur noch ein paar Meter vor sich - dann sag ich doch auch nicht zu ihm: "Mann, stell dich nicht so an, die paar Schritte kann man doch auch laufen."

Das würde sich kein Mensch erlauben. Aber vom Psychopathen erwarte ich - zum Beispiel - Mitgefühl. Warum eigentlich? Der ist genauso gelähmt.

In seinen Gefühlen.

Nur das sieht man nicht...

 

Das ist ja höchst interessant. Ich hatte also Glück im Unglück. So habe ich das Ganze noch nie betrachtet.

Hoch-Empath und Psychopath - zwei Endpunkte auf ein und der selben Skala? Wie Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Liebe und Hass?

 

Ich kann es mir erlauben, solche - für mich gültigen - Behauptungen aufzustellen. 

Ich bin kein Fachmann. Ich spreche nur aus meinen eigenen Erfahrungen. Und da kann ich aufstellen, was ich will. Aber freuen würde es mich schon, wenn ich mit dieser Ansicht nicht alleine wäre...

 

Und ich verrate Dir noch etwas:

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in jedem Psychopathen ein Hoch-Empath steckt. Vorausgesetzt, er hat keinen organischen Defekt. 

Alle Türen fest verschlossen. Keine Empfindungen. Nur nichts fühlen -  sonst droht der emotionale Supergau? Niemals etwas in Frage stellen - sonst gerät das mühsam konstruierte  Bild von der Realität ins Wanken? Dann herrscht Unordnung. Ist übertriebene Ordnungsliebe oder zwanghafte Sauberkeit vielleicht der Versuch, dem entgegen zu wirken?

Und das läuft alles unbewusst ab. 

Das verhält sich bei mir anders. Mir sind diese Vorgänge sehr bewusst. Ich kann darüber nachdenken und auch darüber reden. Liegt darin vielleicht der Unterschied? Denn versuche mal, mit einem Psychopathen über "sein Problem" zu sprechen...

 

Ein einziges Mal habe ich jedoch eine andere Erfahrung gemacht. Da drang sehr wohl etwas zu ihm durch. Liebe. 

Meine Liebe für ihn. Ohne jede Erwartung, alles - so wie es ist - hinnehmend. Für mich zählte nur, dass es ihm gutgeht. Ich nahm (auch) seine Gefühle wahr. Er sah das. Denn er ist wie ich. Aber ich hatte gelernt, zu erkennen - das sind meine - und das müssen folglich seine Empfindungen sein. Und genau das erklärte ich ihm.

 

Erinnerst Du Dich an Andreas? In meinem Roman habe ich ja erzählt, wie er sich plötzlich nicht mehr zurechtfand, in seiner kalten Welt. Der litt wie kein Zweiter, wenn er manchmal spürte, was er meistens nicht fand.

Ich werde ihm schreiben. Später.

 

So, und jetzt gehe ich auf den Deich. Laufen. Frische Luft in das strapazierte Hirn bekommen.

Ich freue mich auf Deine Antwort.

 

 

 

                                                                                   Ganz liebe Grüsse 

 

                                 

Deine Lilly

Kommentare: 1
  • #1

    M.S (Mittwoch, 25 April 2018 17:21)

    100 Prozent übereinstimmung